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Pierre Boulez Saal: Ein Saal für das denkende Ohr

Mit dem Pierre Boulez Saal in Berlin eröffnete 2017 ein weiterer Konzertsaal der Spitzenklasse, architektonisch diesmal aus der Feder von Frank Gehry. (Foto: Lindner Group/Volker Erich Jahr)

Pierre Boulez Saal
Die Bühne in der Mitte und viel schallharte Fläche an Decke und Wänden. Im Pierre Boulez Saal werden die Schallreflexionen auf die Saalmitte konzentriert. Das Publikum ist dabei über kunstvoll ineinander verschobene Ellipsenebenen ganz dicht an den Musikern und an der Intensität der Darbietung. Foto: Lindner Group/Volker Erich Jahr

Ähnlich der Elbphilharmonie ist das Orchester auch hier mitten im Saal. Hier wie da war der Akustiker Yasuhisa Toyota für die Raumakustik verantwortlich, und es wurde ein vergleichbar hoher bautechnischer wie akustischer Aufwand getrieben – für ein ebenso herausragendes Klangerlebnis. Verglichen mit der medialen Wucht der Einweihung der Elbphilharmonie war die Eröffnung des Pierre Boulez Saals in Berlin vor einem Jahr ein eher in Fachkreisen goutiertes Ereignis. Gleichwohl hat der Saal architektonisch wie akustisch die Kraft, Publikum und Musiker restlos zu begeistern. Der Saal ist Kernstück der Barenboim- Said-Akademie, die sich im ehemaligen Magazingebäude der Staatsoper Unter den Linden in Berlin-Mitte befindet.

Vom historischen Gebäude blieb im Zuge der neuen Nutzung nur die Fassade stehen. Im Inneren wurde nahezu der gesamte Bau entkernt. 2.200 m³ Beton und 700 t Stahl wurden neu eingebracht und zeigen, welcher Aufwand getrieben wurde, um die 21 Proberäume, Büros, Bibliothek und den Saal neu in die umgebende Fassade zu integrieren und sie vom Außenlärm abzuschotten sowie untereinander akustisch zu entkoppeln.

Besonders hoher Aufwand wurde für den Schlusspunkt des Umbaus – den Pierre Boulez Saal – betrieben. Stararchitekt Frank Gehry – langjähriger Freund von Barenboim und Boulez – hatte vor längerer Zeit einmal im Gespräch mit Barenboim eine Saalskizze mit ovalen Formen entworfen. Der Dirigent ermunterte Gehry, seinen kreativen Ansatz zu verfolgen und einen gänzlich unkonventionellen Saal zu schaffen, der nun in Berlin realisiert wurde. Es handelt sich dabei um kunstvoll ineinander verschobene Ellipsenebenen, die trotz ihrer baulichen Massivität den Eindruck einer gewissen Schwerelosigkeit im Raum erzeugen.

Pierre Boulez Saal Boden
Decke und Wände sind mit harten und schweren Verbundkonstruktionen verkleidet, die vielfach per Fräsung gerundet wurden. Foto: Barenboim-Said-Akademie/Volker Kreidler

Der (nur) 682 Zuschauer fassende Saal hat eine Sonderstellung in der Musiklandschaft. Dank seiner besonderen architektonischen Form können Zuschauerplätze und Bühnenfläche in den verschiedensten räumlichen Konfigurationen angeordnet werden. So „modular“ der Saal auch nutzbar ist, so sitzen alle Zuhörer doch immer nur wenige Meter von den Musikern entfernt, was zu einer spannungsreichen Wechselwirkung führen kann.

Die räumliche Nähe bedingt auch eine akustische Nähe der Zuschauer zu den Musikern. Die Herausforderung bestand darin, die Schallenergie in die Mitte des Saals zu Musikern und (!) Zuhörern zu lenken. Deshalb wurden fast alle Raumflächen des Saals schallhart und schalllenkend ausgelegt. Der Rohbau des Saals umfasst nahezu ausschließlich Betonoberflächen. Auch der ovale obere Rang besteht aus einer massiven Stahlbetonkonstruktion, die allerdings nur über drei Punkte mit den Außenwänden verbunden ist. Ansonsten schwingt diese statische Meisterleistung recht frei im Raum. Diesen „Betonklotz“ nun mit Vorsatzschalen so zu verkleiden, dass ein herausragend ästhetisches wie akustisches Gesamtwerk entsteht, oblag der Lindner Objektdesign GmbH, Tochter der Lindner AG. Bei vielen der eingebrachten Konstruktionen handelt es sich um Sonderbauteile, die in den Forschungs- und Entwicklungsbereichen bei Lindner aufwendig auf ihre Statik, akustische Leistungsfähigkeit und bauliche Qualität getestet wurden, bevor sie montiert wurden.

Alle Seitenflächen konzentrieren den Schall auf die Mitte

Pierre Boulez Saal Textile Absorption
Die rückwärtige Fläche des Oberrangs wurde mit einem absorbierenden Spezialgewebe versehen, um ungewollte Echoeffekte zu vermeiden. Foto: Lindner Group

Ein Beispiel sind die leicht gebogenen Deckenelemente. Akustisch dienen sie – wie fast alle Elemente im Saal – der Reflexion und Schalllenkung. Sie bestehen aus mehreren gebogenen Holzplattenschichten, die vor Ort mit einem (relativ trockenen) Beton (ca. 5 cm) beschwert wurden. Georg Maier, Projektleiter bei Lindner im Pierre Boulez Saal, erinnert sich: „Ursprünglich war an Sand als Beschwerung gedacht worden, aber dies hätte über die Schwingungen im Lauf der Zeit zum Zusammenlaufen in der Mitte geführt. Unsere Tests mit dem Beton gewährleisteten mehr Sicherheit bei der stabilen gleichmäßigen Flächenverteilung und somit der akustischen Leistungsfähigkeit.“ Bei einem Flächengewicht von bis zu 100 kg/m² war das Anbringen der Deckenelemente an die Stahlbetondecke sowie die Auslegung der Unterkonstruktion eine körperliche Herausforderung für das Montageteam.

Gipsfaserelemente wurden per Frästechnik exakt abgerundet

Die Vorsatzschalen der Seitenwände wurden an eine Stahlkonstruktion montiert, die schalltechnisch von den Außenwänden und zum Boden über Sylomere entkoppelt wurde. Auch hier wurden gebogene Elemente mit hohem Flächengewicht (60 kg/ m ²) verwendet. Als Beplankungsmaterial kamen allerdings Gipsfaserplatten (Lindner GFT) zum Einsatz. Dabei wurden mehrere Plattenlagen des äußerst harten Materials miteinander kraftschlüssig verbunden, um dann per Frästechnik eine leichte Rundung herzustellen. Als Furnier wurde Douglasie verwendet.

Die Unterseite der Ränge wurde mit ähnlichen Elementen (GFT-Material, 40 kg/m²) bestückt. Auch hier war eine leichte Fräsung vonnöten, damit der wellenartige Verlauf des Rangs flächeneben aufgenommen werden konnte. Rund 60 Elemente wurden mit einer 3 mm breiten Fuge verlegt. „Am Ende hat alles so weit gepasst, dass wir nichts zuschneiden mussten“, freut sich Georg Maier über die Maßarbeit seines Teams.

Lindner Objektdesign verantwortete im Objekt nicht nur die Ausführung vor Ort, sondern auch die systematische Aufmaßerfassung in 3-D sowie die Werk- und Montageplanung, teilweise auch in 3-D und die Entwicklung der Wand-, Decken- und Stahlbaukonstruktionen. Hierfür wurden die Forschung- und Entwicklungsabteilung der Lindner Group sowie die GiB Gesellschaft für innovative Bautechnologie mbH für die Brand- und Schallschutzmaßnahmen und die statischen Berechnungen hinzugezogen. Auf der Rückseite der Rangkonstruktion befinden sich die einzigen schalldämpfenden Elemente an den Saaloberflächen. Hier wurden absorptiv wirkende Spezialgewebe (B1) auf trapezförmigen Rahmen angebracht. Sie nehmen Reflexionen von der Saalwand auf und verhindern so Echoeffekte.

Eine weitere Maßnahme, um den Bereich hinter den Rängen akustisch etwas vom Saalzentrum abzukoppeln, sind Glasschwerter, die von der Unterseite des Rangs abgehängt wurden. Die VSG-Scheiben sind ebenfalls gebogen, um den Schall besser im Raum zu verteilen und wieder in Richtung Saalzentrum zu reflektieren. Zunächst waren diese gebogenen Glasscheiben beim Bauherrn und beim Architekten nicht sonderlich beliebt. Aber sie waren akustisch notwendig. Und ihre Transparenz lässt ihr Vorhandensein im Saal auf den ersten Blick kaum auffallen, sodass sie schließlich auch gestalterisch Zustimmung fanden.

Toyota nutzt die Bodenkonstruktion als Resonanzkörper im Raum

Pierre Boulez Saal Bühne
Mit seiner zentralen Anordnung der Bühne hat der Pierre Boulez Saal eine Sonderstellung. Ränge und Bühnenfläche können dabei sogar in modularer Weise bestimmten Präsentationsformen angepasst werden. Foto: Lindner Group

Eine weitere Raumfläche im Pierre Boulez Saal ist von außerordentlicher Bedeutung für die Akustik im Raum: der Boden. Diesem oftmals vernachlässigten Bereich schenkte Akustiker Toyota hier viel Aufmerksamkeit. Er ließ die Unterkonstruktion „zimmermannmäßig“ ausführen. Auf dem Stahl- und Betonboden ließ er drei Lagen Holzbalken quer übereinander legen. Obenauf kamen 50 mm dicke Zedernholzelemente (yellow cedar), die keilförmig miteinander verzahnt sind und kaum mit den Holzbalken darunter verbunden sind.

Eine Vielzahl bauakustischer Maßnahmen schottet den Saal ab „Das ergibt einen Boden, der wie ein Instrument mitschwingt“, ist Georg Maier ganz begeistert, wie Toyota den Boden als Resonanzkörper nutzt. Ein einfaches Klopfen auf den Boden lasse den Klang im ganzen Raum mitschwingen, ein Grundbeben, das die höheren Frequenzen im Raum „trägt“.

Eine ganze Reihe weiterer bauakustischer Maßnahmen (hier unter Beratung von Thomas Goldammer, Müller BBM) wurden im Saal und im ganzen Gebäude verwirklicht, die einen eigenen Bericht rechtfertigen würden. Allein die ungemein aufwendigen Kastenfenster in der Fassade sind äußerst komplex. Sie geben zwar den Blick auf den Straßenverkehr in Berlins Mitte frei, aber selbst ein vorbeifahrendes Baulichtfahrzeug ist im Saal nicht zu hören. Ebenso sind die Türschleusen vom Foyer in den Saal eine ausgeklügelte Sonderkonstruktion, bei der eine Schallpegeldifferenz von Dw 70 dB realisiert wurde.

Fazit: Nach einer Bauzeit von weniger als eineinhalb Jahren entstand ein Konzertsaal, der durch eine einzigartige Gestaltung und ein besonderes Klangerlebnis Musiker und Publikum begeistert.