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Trockenbau: Gute Technik, mäßiges Image

TA hat Prof. Dr. Karsten Tichelmann von der VHT vor einiger Zeit gebeten, einen Ausblick zu versuchen auf die technologische Entwicklung und die Herausforderungen der Zukunft im Trockenbau. Er sieht die technische Leistungsfähigkeit des Trockenbaus längst noch nicht ausgereizt, hat aber auch einige Untiefen ausgemacht, die dieser Beitrag zeigt. (Foto: TU Darmstadt)

Trockenbau: Gute Technik, mäßiges Image
Wettbewerb der Systeme. Der Trockenbau hat mit seinen Konstruktionen sehr gute Argumente im Wettbewerb der Bausysteme, und zwar nicht nur bauphysikalische und technische Argumente, sondern gerade auch wenn es um ökologische Betrachtungen geht. Diese Vorzüge müssen offensiver vermarktet werden.

Der Trockenbau in seiner ganzen Breite und mit all seinen Facetten hat in den letzten Jahren eine beeindruckende technische Weiterentwicklung erfahren. Ohne zu übertreiben, kann man den Trockenbau heute als wesentlichen Innovationstreiber im Bauwesen bezeichnen. Das liegt daran, dass es der Trockenbau versteht, überzeugende Lösungen für Bauprobleme anzubieten, indem er bautechnische wie bauphysikalische Antworten gibt, die deutlich effizienter sind als mit bisherigen Bauweisen.

Doch auch der Trockenbau muss sich den großen Themen und Trends der Gegenwart und nahen Zukunft stellen, wenn er weiter prosperieren will. Viele dieser Trends sind seit Langem bekannt und lassen sich in ihrer rasanten Entwicklung seit Jahren beobachten. Betrachten wir exemplarisch einige von ihnen, die verstärkt Auswirkungen auf das Bauen in den kommenden Jahren haben werden:

  • Der demografische Wandel
In Deutschland wird das Potenzial der jüngeren Mieter einfacher Wohnungen zurückgehen. Dagegen wird es sowohl absolut als auch relativ mehr ältere Menschen geben, welche die Nachfrage nach luxuriösen, benutzerfreundlichen und altersgerechten Wohnungen im urbanen Umfeld erhöhen. Der generelle Trend von der Miete zum Eigentum wird durch den zunehmenden wirtschaftlichen Wohlstand und die geringen Finanzierungskosten weiter verstärkt. Daneben wächst auch der Flächenbedarf: Nachgefragt werden immer geräumigere Wohnungen. Abgewertete Bestandsimmobilien werden durch die anwachsenden Migrationsströme dennoch im Markt gehalten.

  • Zunehmende Individualisierung

Veränderte Beziehungsgeflechte und Biografien fordern eine entsprechende Vielfalt an individualisierbaren Wohn- und Arbeitsformen. Die Flexibilität unserer Gebäude muss gesteigert werden, um im Immobilienmarkt langfristig erfolgreich sein zu können.

  • Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz

Baustoffe und Baukonstruktionen werden sich nicht der Nachhaltigkeitsprüfung entziehen können. Dies betrifft auch den Rückbau von Trockenbaukonstruktionen, da diese einen geringeren Lebenszyklus aufweisen als die Tragkonstruktionen eines Gebäudes. Dem Rückbau und Recycling von Gipsprodukten kommt daher eine zunehmende Bedeutung zu. Diese Rohstoffe wieder in den Stoffkreislauf neuer Bauprodukte einzubinden, kann ein bedeutsamer Wettbewerbsvorteil für den Trockenbau werden.

  • Bauen im Bestand

Das Bauen im und auf dem Bestand wird sich als maßgebliche Bauaufgabe etablieren. Der Anteil an Neubauvorhaben wird sich auf einem Niveau von ca. 25 % halten. Erst in etwa 15 Jahren ist wieder mit einem Anstieg an Neubauvorhaben zu rechnen. Dies resultiert dann aus dem Rückbau von Bestandsgebäuden mangelhafter Qualität aus den 1950er- bis 1980er-Jahren.

Integration von Haustechnik ist ein lukratives Zukunftsfeld

Plattenwerkstoffe werden sich auch in Zukunft in ihren technologischen Eigenschaften bedeutsam weiterentwickeln. Die Verbesserung der Grundwerkstoffe und der Produktionstechnik werden dem Trockenbau auch in den kommenden Jahren Wettbewerbsvorteile ermöglichen. Wie schnell sich die heute tradierten Ausbaukonstruktionen im Hinblick auf ihre Materialzusammensetzung und Ressourceneffizienz verändern werden, hängt allerdings von der globalen Entwicklung der Rohstoffmärkte und den Energiepreisen ab. Es wird erwartet, dass die Kriterien der Nachhaltigkeit und der Ressourcen- sowie Energieeffizienz für den europäischen Raum an Bedeutung gewinnen werden.

Hochleistungsfähige Verbundwerkstoffe, leitfähige Gipsplatten, in Trockenbausysteme integrierte Flächenheiz- und Kühlsysteme, hochschalldämmende Decken-, Wand- und Bodensysteme, mit Holz, Glas, Edelstahl und Aluminium beschichtete Plattenwerkstoffe sind wenige Beispiele einer Entwicklung, deren technisches und gestalterisches Innovationspotenzial längst noch nicht ausgeschöpft ist.

Trockenbau: Akademischer Nachwuchs
Schaut man sich an, welche Anstrengungen die Industrie unternimmt, um an Hochschulen technisch versierten Nachwuchs zu bilden, dann sind die bisherigen Versuche des Ausbaus in diese Richtung sehr bescheiden. Hier muss dringend eine konzertierte Strategie des gesamten Ausbaus her. Foto: TU Darmstadt

Mit der stetigen Zunahme der Steuerungs- und Regelungstechnik in Gebäuden bestehen neue Chancen für den Trockenbau. Die enge Kooperation mit den Herstellern von Lüftungs- und Regelungstechnik sowie der Gebäudesensorik können zu neuen multifunktionalen Ausbaukonstruktionen führen. Integrative Ansätze werten damit Trockenbaukonstruktionen auf. In den Hohlräumen von Wänden, Unterdecken, Hohlraumböden und Doppelböden können in Zukunft nicht additiv, sondern integrativ Lösungen entwickelt werden. Diese führen gegenüber den konventionellen Bauweisen zu leistungsfähigen Systemen, geringeren Bauteilaufbauten und wirtschaftlicheren Ausbaukonstruktionen. Die Gebäudeklimatisierung einschließlich Kühlung wird sich für Wohngebäude und öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten zum Standard entwickeln. Auch hierfür muss sich der Trockenbau weiterentwickeln, um gegen das Konzept der Bauteilaktivierung mit massiven speicherfähigen Konstruktionen noch vorteilhaftere Antworten zu finden.

Mangelndes Vertrauen in die Bauweise ist ein echter Hemmschuh
Wie schnell sich der Trockenbau auch im Bereich der tragenden Konstruktionen sowie im Bereich von Aufstockungen und Fassadensystemen entwickeln kann, hängt von den einzelnen Akteuren im Bausektor ab. Technologisch können diese Aufgaben schon heute durch Trockenbauweisen gelöst werden. Nur der Markt hinkt den technologischen Möglichkeiten und der Weiterentwicklung des Trockenbaus hinterher. Dabei ist der „Markt“ eigentlich keine Frage des Bedarfs. Vielmehr wird der Markt für Leicht- und Trockenbaukonstruktionen vor allem durch das mangelnde Vertrauen in die Bauweise und deren Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Das hat auch damit zu tun, dass bei Planern und Investoren ein hohes Maß an Unerfahrenheit und Unwissenheit bezüglich dieser Bauweisen vorliegt.

Dieses Problem lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes nur an der Wurzel anpacken. Hier gilt „bottom up“ anstelle von „top down“, das heißt: Die Vorzüge des Trocken- und Leichtbaus müssen von unten her kontinuierlich über den Weg der Ausbildung in den Köpfen von Architekten und Planern verankert werden. Innovation setzt sich im Bauwesen leider nur sehr langsam durch, da erst neue Generationen von Architekten und Ingenieuren an den Hochschulen und Universitäten in dieser Bauweise ausgebildet werden müssen. Hier gibt es wohl den größten Handlungsbedarf für den Trockenbau.

Damit wachsen auch das Anforderungsprofil und die Präqualifikation für alle Akteure im Bereich des Trockenbaus. Vor allem vonseiten der Planer und Bauherrn wird in Zukunft von den ausführenden Unternehmen noch mehr Kompetenz eingefordert werden. Das spricht für eine Veränderung der Ausbildungsstrukturen des Trockenbaus. Hierin steckt gleichzeitig eine große Chance, den Trockenbau aufzuwerten und ihn als kompetenten Ansprechpartner für Bauherren, Architekten und Fachplaner zu entwickeln. Auch „Teamkonzepte“ sind in der Praxis zunehmend gefragt. Kooperationen und das gemeinsame Auftreten mit den Schnittstellengewerken, vor allem im Bereich der Haustechnik, werden Wettbewerbsvorteile generieren. Der Markt fordert dies schon heute. Und die Unternehmen, die solche Kooperationen und integrativen Leistungskonzepte anbieten können, haben heute deutliche Wettbewerbsvorteile.

„Trockenbau“ klingt wenig sexy für Bauherren und Investoren

Aber der Trockenbau wird sich in den nächsten Jahren noch mit einem ganz anderen Problemfeld auseinandersetzen müssen, wenn er denn noch mehr Ansehen und Marktanteile gewinnen will: Es ist sein Name und sein Image. „Trockenbau“ klingt einfach zu beliebig und wenig innovativ – zumindest für Außenstehende. Doch um die geht es ja gerade, wenn man Außenwirkung erzielen will. Geschichtlich ist der Begriff „Trockenbau“ eng mit der industriellen Herstellung von Gipsplatten verbunden. Seit Ende der 1950er-Jahre wurden im industriellen und gewerblichen Bauen zunehmend Bauteile aus Gipskartonplatten eingesetzt. Doch diese Form des Bauens war meist anspruchslos und steht heute in keinem Vergleich mehr zu der Komplexität und den Möglichkeiten des modernen Trocken- und leichten Innenausbaus, der ja noch sehr viel mehr umfasst als Bauplatten aus Gips.

Bauherren, Investoren, aber auch Studierende und Fachkräfte wollen mit einem positiven Image umworben werden. Ebenso müssen sich die Trends der Zukunft auch im Namen und im Image widerspiegeln, möchte man sich neue Zielgruppen erschließen und in einen ernsthaften Wettbewerb zu den tradierten Bauweisen treten – auf der Baustelle, bei den Projektplanern, aber auch in der Hochschule und auf dem Arbeitsmarkt. Hierzu bedarf es einer einheitlichen Strategie der gesamten Branche. Das wachsende Marktpotenzial liegt in der Verdrängung von Massivbauweisen. Seit vielen Jahren bilden die Verbände der Ziegelindustrie, die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerksbau und Verbände der Kalksandsteinindustrie strategische Allianzen, um gezielt den aktuellen Bedarf der kommenden zehn Jahre an neu zu errichtenden Wohnungsbauten vorrangig mit ihren Produkten zu befriedigen. Um hier als ernsthafter Wettbewerber aufzutreten, hat „der Trockenbau“ in den kommenden Jahren seine vielleicht größte Herausforderung noch vor sich.