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Ruhiger Start ins Leben

Welche Zusammenhänge und welche Bedingungen im „Geschäftsfeld Kita“ auch für Ausbauunternehmen wichtig sind, erläuterte Dr. Philip Leistner vom Fraunhofer-IBP auf dem 7. Akustik-Forum 2011. (Foto: Mehl Architekten)

Ruhiger start in das Leben
Wesentliche Aspekte in ersten Lernräumen wie Kitas sind Kommunikation, Artikulation, Konzentration und Ruhe – allesamt Anforderungen, die mit der Raumakustik unmittelbar verknüpft sind. Foto: Mehl Architekten

Verglichen mit dem seit langer Zeit geregelten Schallschutz im Gebäude (Bauakustik) erscheint eine angemessene Raumakustik mitunter auch heute noch als freiwillige Zusatzleistung. Begriffe wie „Wohlbefinden“, „Komfort“ oder gar „Luxus“ werden dabei gern verwendet – wohl auch, um der vermeintlich nachrangigen Erforderlichkeit von Maßnahmen Ausdruck zu verleihen. Diese Einschätzung ist grundsätzlich falsch, und die Vernachlässigung der raumakustischen Ausgestaltung von Kindertageseinrichtungen im Sinne akzeptabler Lebens-, Lern- und Arbeits- bedingungen ist fahrlässig! Auch eine gewisse Unbedarftheit infolge mangelnder Information kann heute nicht mehr als Grund für „vergessene Raumakustik“ dienen, da alle Planer Zugriff auf fundierte Erkenntnisse haben, die einen klaren Einfluss schlechter Raumakustik auf Gesundheit, Behaglichkeit und Leistungsfähigkeit der Nutzer belegen.

Im Rahmen der Begleitung von Modellprojekten für Kitas wurde eine Reihe von Erkenntnissen vom Fraunhofer-IBP noch einmal in einem Leitfaden zusammengefasst. Bei den Modellprojekten zeigte sich deutlich: Während die Kinder als Nutzer ihren Bedarf noch nicht artikulieren können, äußern die Erzieher ihre Ansprüche meist nachdrücklich und klar, sei es aus Erfahrung mit früheren Räumen oder als Ergebnis eigener Suche nach Informationen zu optimalen Arbeitsbedingungen (siehe Tabelle 1).

Ruhiger Start ins Leben - Tabelle 1

Fachplaner verfügen über die Kompetenz, den Nutzen guter Raumakustik zu kommunizieren. Auch auf Seiten der Architekten besteht überwiegend das klare Verständnis, dass die Akustik von Räumen in Kindertageseinrichtungen eine fundamentale Qualität darstellt. Bauherren und Träger von Kindertageseinrichtungen verfolgen an sich die gleichen Ziele wie die Architekten, also optimale Nutzbarkeit und Gestaltung im festgelegten Kostenrahmen. Verglichen mit anderen Kostenfaktoren sind jedoch die raumakustischen Maßnahmen in keinem Fall die Verursacher „überraschender Preissteigerungen“, es sei denn, sie wurden insgesamt nicht von Anfang an eingeplant.

Bei massiven Wänden und Decken müssen Tiefton-Absorber her

Ruhiger Start ins Leben - Abb 1
Abbildung 1. Gemessene Nachhallzeiten in verschiedenen Gruppenräumen. In einzelnen Räumen (meist in Massivbauweise) ist eine erhöhte Nachhallzeit bei tiefen Frequenzen festzustellen. Abb.: Fraunhofer IBP

In den meisten Projekten verfügen die Aufenthaltsräume über eine fast gleichwertige raumakustische Ausstattung. Die bei der Planung zugrunde gelegte und letztlich auch gemessene Nachhallzeit in den Gruppenräumen unterschreitet den im Leitfaden empfohlenen Wert von 0,6 s. Die Streuung der Werte, wie in Abbildung 1 gezeigt, resultiert u. a. aus der unterschiedlichen Möblierung und Ausstattung der Räume zum Zeitpunkt der Messungen.

In einzelnen Räumen erweist sich die Nachhallzeit bei tiefen Frequenzen als Herausforderung. In vielen Gebäuden auch für Kindertageseinrichtungen werden überwiegend leichte Wandkonstruktionen und auch großflächige Verglasungen in den Fassaden verwendet. In diesen Räumen wird die tieffrequente Nachhallzeit selten ein Problem darstellen. Es fehlen zwar noch die konkreten und klar nachgewiesenen Daten, wie viel Raumschallenergie z. B. von beplankten Ständerwänden nach außen durchgelassen und wie viel tatsächlich in den Wänden „geschluckt“ wird. Im Raum sinkt jedenfalls die Nachhallzeit bei tiefen Tönen.

Anders ist in Räumen mit massiven Wand- und Deckenbauteilen zu verfahren. Dort sollte von vornherein mehr für Schallabsorption im Frequenzbereich unter 200 Hz gesorgt werden. Planer verfügen im Allgemeinen über Informationen, welche Lösungen speziell gegen das Dröhnen von Räumen verwendet werden können.

Ruhiger Start ins Leben - Abb 2
Abbildung 2. Gemessene Nachhallzeiten in verschiedenen Sport- und Bewegungsräumen. Einzelne, hohe Räume (meist in Massivbauweise) weisen eine erhöhte Nachhallzeit bei tiefen Frequenzen auf. Abb.: Fraunhofer IBP

Ein ähnliches Bild der Nachhallzeiten ergibt sich für Sport- und Bewegungsräume, wie Abbildung 2 für sehr unterschiedlich möblierte Räume zeigt. Ihrer Nutzung entsprechend können hier tieffrequente Geräuschquellen zeitweilig sogar dominieren, wenn z. B. Kinder springen oder mit Bällen spielen. Die gemessene mittlere Nachhallzeit der zum Teil erfreulich großzügigen und hohen Sportbereiche liegt der Raumgröße entsprechend etwas über den Werten der Gruppenräume. Dies entspricht den Zielwerten des Leitfadens. Aber auch in Ruheräumen, Essküchen
und Bistros sind schallabsorbierende Elemente integriert. Selbst in den Eingangsbereichen wurde für eine gedämpfte Atmosphäre gesorgt und das zu Recht, da in diesen Räumen meist die tägliche Kommunikation der Erzieher mit den Eltern stattfindet. Dieser Austausch sollte nicht nur der Sprachverständlichkeit wegen unter geeigneten akustischen Bedingungen stattfinden. Die Ruhe oder Unruhe während dieses kurzen Austausches hinterlässt auch einen nachhaltigen Eindruck bei den Eltern.

Die nahezu einheitliche akustische Gestaltung aller Räume wird von den Erziehern durchgehend positiv bewertet. Auch die Architekten schätzen dies, weil eine gesonderte und differenzierte raumakustische Behandlung einzelner Räume zu einem höherem Planungsaufwand und einer gewissen Fehleranfälligkeit der Ausführung führen. Ein Lösungsansatz mit nur einem System für möglichst alle Räume vereinfacht also den Prozess – eine Erfahrung, die bei hoher Qualität Kosten sparen kann.

Ruhiger Start ins Leben
Akustik-Gestaltung. Raumakustik bewegt sich auch immer im Spannungsfeld von Funktionsanforderung, Gestaltung und Kostenrahmen. Hier müssen alle Beteiligten abwägen. Foto: Fraunhofer IBP

Akustik-Maßnahmen machen nur max. 3 Prozent der Kosten aus

Eine gute Akustik von Räumen ist mit Kosten verbunden, denen keine monetär bewertbare Amortisation gegenübergestellt werden kann, also eine ähnliche Situation wie bei der Beleuchtung von Räumen. Die Modellprojekte dienen daher auch der Untersuchung der Ausführungskosten für raumakustische Maßnahmen. Je nach Bauprojekt, d. h. Neubau, Anbau oder Umbau, lag der Kostenanteil bezogen auf das gesamte Baubudget zwischen 1 und 3 %.

Die Kosten pro Quadratmeter Raumfläche, die für schallabsorbierende Einbauten entstanden sind oder in Betracht gezogen wurden, lagen bei den Modellprojekten in einer Spanne zwischen ca. 30 und 70 €/m² netto für die ausgeführte Konstruktion, d. h. Material und Montage. Natürlich gibt es auf der Preisskala noch deutlich teurere Systeme, deren Erscheinungsbild für bestimmte Konzepte erforderlich sein mag. Aber der genannte Preisbereich steht keineswegs für unansehnliche oder gar ineffiziente Lösungen, wie die z. T. sehr anspruchsvoll gestalteten Modellprojekte und die erreichten Nachhallzeiten belegen. Preisgünstige Raumakustik muss also nicht nur mit dem billigsten Schallabsorber gestaltet werden.

Wo sind nun welche Absorber am besten einzusetzen? – Die Antwort darauf ist genauso vielgestaltig wie die Kindertageseinrichtungen selbst. Klar ist nur: am Boden ergeben sich die wenigsten Möglichkeiten. Angesichts des oft verwendeten Bodenbelags Linoleum kommt es meist nicht zu den erfolglosen Experimenten mit textilen Belägen als Schallabsorber. Natürlich sollte deren Wirkung nicht unterschätzt werden, aber Teppiche allein können nicht die hier erforderlichen Nachhallzeiten gewährleisten. Ebenfalls bleiben textile Vorhänge weitgehend unberücksichtigt, obwohl hier sehr beachtliche Schallabsorptionswerte erreichbar sind. Problematisch ist natürlich deren fehlende Schallabsorption, wenn sie aufgezogen und nicht als größere Fläche wirksam sind.

Als raumakustische Ergänzung wird in einigen Fällen auch das Mobiliar mit einer schallabsorbierenden Funktion ausgestattet. Perforierte und mit Schallabsorber- Material gefüllte Möbelfronten sind dafür ein Beispiel. In den Kindertageseinrichtungen können sie jedoch noch keinen Ersatz für die Decke bieten. Bereits heute und auch vereinzelt in den Modellprojekten werden Pin-Wände und Stellwände mit Absorptionswirkung einbezogen. Gerade beim Umbau oder bei der (akustischen) Modernisierung bieten diese vertikalen Flächen effiziente Alternativen, wenn die Decke nicht beliebig gestaltet werden kann oder darf.

Erwartungsgemäß konzentriert sich aber die Schallabsorption auf Deckensysteme, überwiegend in abgehängter Form, um im entstehenden Hohlraum Installationen und dergleichen verlegen zu können. Hier steht eine Vielzahl von absorbierenden Deckensystemen zur Verfügung, auf die im einzelnen hier nicht eingegangen werden kann. Eine spezielle Erfahrung mit einer Holzdecke sei hier aber doch erläutert, da sie die Eindeutigkeit und zugleich die Schwierigkeit der Wahrnehmung raumakustischer Bedingungen durch die Nutzer veranschaulicht.

Ruhiger Start ins Leben - Abb 3
Abbildung 3. Gemessene Nachhallzeiten von zwei Gruppenräumen. Der Unterschied der Nachhallzeit wird von den Nutzern eindeutig wahrgenommen und ein mittlerer Wert von 0,8 s als zu lang eingeschätzt. Abb.: Fraunhofer IBP

Der Raum mit dieser Holzdecke (sichtbare Lattung mit offenen Nuten und ohne gedämpften Hohlraum) fiel mit dem augenscheinlichen Eindruck einer sicher akustisch wirksamen Decke nicht auf, bis die Kindertageseinrichtung um neue Räume mit schallabsorbierenden Deckensystemen erweitert wurde. Seitdem besteht für die Erzieher sowie für die Eltern die Vergleichsmöglichkeit – und sogleich änderte sich die Einschätzung. Der Raum wird als akustisch inakzeptabel erkannt und wenn möglich gemieden. Daraus ergeben sich mehrere Antworten auf Fragen, die häufig von den Nutzern der Räume gestellt werden:

1. Die akustische Wirkung entscheidet, nicht der optische Eindruck, so dass Wirkungsnachweise unerlässlich sind.
2. Die akustische Wirkung ist von den Nutzern wahrnehmbar und eine Vergleichsmöglichkeit (Abbildung 3) erleichtert die Einschätzung.
3. Ungleiche akustische Bedingungen in den Räumen einer Kindertageseinrichtung beeinflussen auch die Arbeitsorganisation. Ein Phänomen, das aus Schulen gut bekannt ist.

Mit Akustikdecken ist die Planung am sichersten

Ruhiger Start ins Leben - Abb 4
Abbildung 4. Beispielhafte Verknüpfung zwischen Schallabsorptions- vermögen der Deckenfläche, Raumhöhe und Nachhallzeit. Abb.: Fraunhofer IBP

Von den vielen vorhandenen Instrumenten zur raumakustischen Planung wird üblicherweise die einfachste verwendet, die so genannte SABINEsche Formel zur Berechnung der Nachhallzeit eines Raumes mit diffusem Schallfeld. Einzige kleine Schwierigkeit ist die Beschaffung der Werte für den Schallabsorptionsgrad der einzelnen Raumflächen. Bei der Verwendung von Akustikdecken reduziert sich die Schwierigkeit auf das Übernehmen der Werte aus den Produktdatenblättern der Hersteller. Die belegte Deckenfläche und ihre Schallabsorption (z. B. gemäß Prüfzeugnis) beeinflussen die resultierende Nachhallzeit. Diese Zusammenhänge sind in Abbildung 4 illustriert. Die durch weitere absorbierende Flächen oder Möblierung im Raum möglicherweise am Ende noch etwas niedrigere Nachhallzeit ist immer willkommen.