zurück

Licht und Luft aus dem Geäst

Wie bringt man auf 420 m² kahler Fläche eine kleinteilige Licht- und Luftversorgung für ein Lokal mit vielen Tischen? Architekt Steffen Haas entwarf für diese funktionale Anforderung eine Deckenskulptur, die sich wie ein organisches Geäst zu den Tischbereichen verzweigt. (Foto: Jose Arjona)

Restaurant Hugo`s
Je nach Tageszeit oder passend zu einem Veranstaltungsmotto kann das Farbenspiel der LED-Lichtsysteme in der sich verästelnden Deckenskulptur variiert werden, wodurch sich im gesamten Raum sehr unterschiedliche Stimmungsbilder erzeugen lassen. Foto: Jose Arjona

Als Architekt Steffen Haas den Auftrag bekam, in Stuttgarts Friedrichstraße ein stylisches Szenelokal zu gestalten, sah er vor sich nur einen großen, leeren, kahlen Raum: 420 m² im Erdgeschoss, dazu noch einmal 100 m² im Untergeschoss, eine große Glasfassade, Wände aus Stahlbeton und eine glatte Betondecke. Ein Künstler würde sagen: eine perfekte Leinwand. Auch Haas fühlte sich gleich herausgefordert. Insbesondere der funktionale Anspruch machte ihm Kopfzerbrechen, Licht und Luftversorgung in die weite Fläche zu bringen, ohne dabei mit einer vollflächig abgehängten Decke zu arbeiten. Die Funktion wurde dann aber zum Ausgangspunkt einer gestalterisch interessanten Lösung. Wie ein starker Ast eines Baumes überspannt nun eine Deckenskulptur den weitläufigen Gastraum, kleinere Zweige „sprießen“ in alle Richtungen und münden in stilisierten Blüten.

Zu Beginn der Arbeiten war allerdings vor allem Know-how in Sachen Schallschutz gefragt, denn um die über den Gastronomieräumen liegende Büroetage vor Lärm aus Bar, Restaurant und Küche zu schützen, wurde eine leistungsstarke, schalldämmende Deckenkonstruktion benötigt. „Hierfür haben wir eine niveaugleiche Unterkonstruktion aus Rigips-CD-Profilen an Schwinghängern schallentkoppelt ca. 100 mm tief abgehängt. Anschließend wurde eine 40 mm starke Mineralwolldämmung aufgelegt und die Unterkonstruktion dann zweilagig mit der Schallschutzplatte Die Blaue beplankt“, erläutert Herbert Wanner, Standortleiter der Heinrich Schmid GmbH aus Pfullendorf, die mit dem Ausbau beauftragt waren. Die umlaufenden Wandanschlüsse wurden dann ebenfalls schallentkoppelt ausgeführt. Zu beachten waren dabei diverse Ausklinkungen in der Beplankung, etwa für Brandmeldeanlagen und einige Rohrführungen.

Anschließend wurden die Trockenbauwände inklusive diverser Aussparungen sowie einige frei stehende Wandelemente errichtet und sämtlich zweilagig mit Bauplatten RB beplankt. Die Wände zu den angrenzenden Mieteinheiten wurden als F 90-Doppelständerwände mit 2 × 80 mm starker Dämmeinlage ausgeführt. Um einen bestmöglichen Schall- und Brandschutz zu gewährleisten wurde hier mit Die Blaue RF beplankt, der für einen erhöhten Brandschutz faserarmierten Variante der Schallschutzplatte.

Stahlhilfskonstruktion wurde durch Schallschutzdecke geführt
Danach machte sich das Ausbauteam an die Arbeiten für die Deckenskulptur: „In einem ersten Schritt haben wir die Umrisse der verästelten Skulptur im Maßstab 1 : 1 geplottet. Die fertigen Papierschablonen haben wir auf dem Boden ausgelegt, die Flächen an der Decke eingemessen und anschließend den Plott an die Decke getackert. Entlang seiner Umrisse montierte unser Team dann 35/50-L-Winkel als Basis für alle weiteren Maßnahmen. Sie gaben den Verlauf der Deckenskulptur vor und stellten gleichzeitig die Begrenzung sämtlicher darin befindlicher Technikeinbauten dar“, so Herbert Wanner.

Doch die Konstruktion ist kein hohles Kunstwerk, sondern erfüllt viele wichtige Funktionen: elektrische Leitungen, Datentechnik, Sprinkler- und Lüftungsleitungen, Lichttechnik, Lautsprecher – sie alle sollten in der verästelten Deckenkonstruktion nahezu unsichtbar untergebracht werden. Ermöglicht wird dies durch eine mehrfach abgewinkelte Stahlhilfskonstruktion, die auf der Grundlage einer statischen Berechnung und mithilfe von 10 mm dicken Gewindestangen an der Betonmassivdecke befestigt wurde. Dafür wurden die Gewindestangen durch die Schallschutzdecke hindurchgeführt.

Im nächsten Schritt installierte das Team umlaufend Schienenläufer, an denen die Trockenbauprofis dann CD-Profile befestigten. Diese Stahl-/Profil-Unterkonstruktion bildet eine Art großen Technikkanal, der die notwendigen Leitungen komplett aufnimmt. „Die CD-Profile haben wir dann mit individuell angepassten Formteilen aus Bauplatten RB mit V-Fräsung einlagig beplankt“, erläutert Wanner. Dabei wurde vergleichsweise wenig vorgefertigt, ca. 80 % der Formteile wurden vor Ort erstellt. Wanner: „Die Idee dieses Konstruktionsaufbaus haben wir ein wenig an den Flugzeugbau angelehnt. Das erkennt man auch besonders gut an den unterschiedlich großen Deckenblüten am Endpunkt der einzelnen Äste.“

Integrierte Licht- und Soundtechnik kreiert viele Stimmungen
Diese Blüten wurden mithilfe einer Stahlkonstruktion und darauf montierten CDProfilen so ausgebildet, dass ausreichend große Hohlräume entstanden, um die Sound- und Lichtanlagentechnik aufzunehmen. Letztere spielt auch eine entscheidende Rolle für die Ästhetik der fertig ausgebauten Räume: Je nach Tageszeit oder passend zu einem Veranstaltungsmotto kann das Farbenspiel der LED-Lichtsysteme variiert werden, wodurch sich im gesamten Raum unterschiedliche Stimmungsbilder erzeugen lassen. Die Tiefe und damit das Volumen der stilisierten Äste und der Sound-/Lichtblüten variieren zwischen 170 mm und 1.100 mm, was die dreidimensionale Anmutung noch einmal verstärkt. Denn wie bei einem echten Baum verlaufen auch hier die Äste willkürlich durch den Raum, sind unterschiedlich dick und hängen mal weit über, mal nah über den Köpfen der Restaurantgäste.

„Die Installation der gesamten Skulptur erfolgte in nur drei Wochen durch drei besonders erfahrene Mitglieder unseres Teams. Sobald ein Teilstück fertig war, haben zwei Mitarbeiter dieses mit Malervlies und in mehrfachen Spachtelgängen auf Q 4 gebracht. Da gerade das Licht- und Farbenspiel für das Ambiente in den Räumen eine wichtige Rolle spielt, durften die Oberflächen natürlich keinerlei Unebenheiten aufweisen“, so Herbert Wanner. Auch wenn die aufwendige Deckenkonstruktion die Blicke der Besucher auf sich zieht, sorgen für die einzigartige Atmosphäre im H’ugo’s doch noch zahlreiche weitere Details wie etwa das 3.500 Liter fassende Aquarium, das große Teile der Küche quasi transparent vom Gastraum trennt. Viel Stahl wurde hier zur Lastabtragung eingebracht. Perfekt flächenbündig in Trockenbaukonstruktionen integriert, ist das Aquarium optisch fast ein Teil der Wand.

Die qualitativ hochwertige Ausführung solcher Details und natürlich die gekonnte Umsetzung der architektonisch außergewöhnlichen Deckenskulptur zeugt von der langjährigen Erfahrung der Mitarbeiter der Heinrich Schmid GmbH & Co KG. Darüber hinaus zeige dieses Projekt auf besonders anschauliche Weise, wie der moderne Trockenbau die Integration notwendiger Technik quasi als „gestaltete Funktion“ unterstützen kann, befand die Jury der 10. Rigips Trophy 2015 | 2016 und kürte das Ausbauprojekt zum Gewinner der Kategorie Funktion & Design.

Who is Who im Trockenbau

Hersteller- und Branchenkontakte

Detailsuche