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Fassadensystem: Wo Stuttgart zusammenwächst

Das Bauprojekt Gerber ist Stuttgarts erste Bebauung dieser stadtviertelartigen Größe, die eine urbane Mischnutzung aufweist. Blickfang ist die Fassade, für die das Eckhaus Tübinger Straße 22 als Vorbild diente. Für die Fassadengestaltung wurden 8.200 m2 Naturstein, 1.400 m2 Pfosten-Riegel-Fassade und 3.900 m2 wärmegedämmte, vorgehängte hinterlüftete Putzfassade verwendet. (Foto: Knauf Aquapanel/E. Reinsch)

Fassadensystem Gerberviertel
Gleichklang. Die Herausforderung bei den Büros und Wohnungen waren drei Putzebenen mit unterschiedlichen Abständen zur Massivwand.

Das Gerber(viertel) ist ein großstädtischer Bau mit gemischten Nutzungen, räumlichen Gesten und einer stolzen, selbstbewussten Stadtfassade“, so der für den Entwurf verantwortliche Architekt Professor Albers. „Der Handel bildet im wahrsten Sinne die Grundlage oder – architektonisch formuliert – den Sockel des Gebäudes.

Auf diesem Handelssockel verfeinert sich die Architektur: Hier entstanden Büros und Wohnungen mit Bogenmotiv und heller Farbgebung der fein strukturierten Putzfassaden. Die Herausforderung hierbei war die Umsetzung dreier verschiedener Putzebenen mit unterschiedlichen Abständen zur Massivwand und die Bogenmotive als beherrschendes Element der eleganten Fassaden. Eine vorgehängte hinterlüftete Fassade (Knauf-Außenwandsystem mit Aquapanel Cementboard Outdoor) ermöglichte eine wirtschaftliche und zugleich technisch sehr gute Lösung. In Zusammenarbeit mit den Systemlieferanten Knauf und Hilti errichtete man eine Musterwand im Hauptwerk der Lindner Fassaden GmbH in Arnstorf. Dargestellt wurde ein Fensterkreuz mit allen wichtigen Details wie Fensteranschlüssen und Dehnungsfugen.

Die Komponenten Dämmung und Bekleidung sind konstruktiv getrennt

Das System der vorgehängten hinterlüfteten Fassade erlaubt die Wahl unterschiedlicher Fassadenbekleidungen. Aquapanel Cement Board Outdoor kann als Trägerplatte für Putz, Naturwerkstein oder Keramik eingesetzt werden. Die Komponenten Dämmung und Bekleidung sind bei diesem System konstruktiv voneinander getrennt. Durch die Ausbildung eines Hinterlüftungsspaltes wird eine konsequente Trennung der Wetterschale von der Wärmedämmung sichergestellt. Im Sommer verhindert sie das Aufheizen des Gebäudeinneren und ganzjährig führt sie Baufeuchtigkeit zuverlässig ab. Sie vereint die umfassenden Eigenschaften des Konstruktionstyps VHF mit den Vorteilen der Knauf Außenwand. Das System verbessert außerdem den Schallschutz der Massivwand um bis zu 14 dB und bietet zeitgerechten Wärme- und Brandschutz, da sämtliche Komponenten in der Baustoffklasse A verfügbar sind.

Drei Putzebenen mit drei Wandabständen waren zu bearbeiten

Zu realisieren waren drei Putzebenen mit unterschiedlichen Abständen zur Massivwand, einer Stahlbetonkonstruktion. Als Dämmstoff kam eine Fassadendämmplatte (Knauf Insulation TP 435 B) zum Einsatz, 160 mm stark. Sie wird mit einem formaldehydfreien Bindemittel auf Basis vorwiegend natürlich-organischer Grundstoffe geliefert, ist einseitig mit schwarzem Glasvlies kaschiert und durchgehend wasserabweisend.

Beim Gerberviertel dient diese großformatige Bauplatte als Putzträgerplatte in der Dicke 12,5 mm und in den Formaten 900 mm bzw. 1.250 × 2.500 mm. Sie bildet einen Untergrund, der extremen Witterungsbedingungen standhält, ist diffusionsoffen und nicht brennbar (Baustoffklasse gemäß EN 13501 Teil 1).

Als Verbindungs-/Verankerungsmittel der Zementbauplatte an der Massivwand kam eine VHF-Unterkonstruktion von Hilti gemäß DIN 18516 Teil 1 zum Einsatz. Das System besteht aus Wandwinkeln, Tragprofilen und einer thermischen Entkopplung. Eine entsprechende objektbezogene, prüffähige statische Berechnung zur Systemlösung inklusive der Detail- und Montagepläne wurde in enger Kooperation zwischen Lindner Fassade GmbH, Hilti und Knauf erstellt. Die Außenwandbekleidung wurde in Flächen von ca. 50 m² gemäß DIN 18516- 1 unterteilt. Systembedingt waren alle 25 m horizontal wie vertikal Bewegungsfugen vorzusehen. Befestigt wurden die Platten mit Fassadenschrauben SB 40 aus rostfreiem Edelstahl V2A, speziell für die Befestigung der Zementbauplatten auf einer Aluminiumunterkonstruktion. Die Fugenbreite zwischen den Platten beträgt 3 bis 5 mm.

Nach Montage der Platten wurden die Fugen mit dem systemeigenen Fugenspachtel grau verspachtelt und es wurde ein Fugenband aus Glasfasergewebe eingelegt. In einem weiteren Arbeitsgang wurde die Oberfläche mit Klebe- und Armiermörtel – weiß mit Gewebeeinlage – vollflächig verspachtelt. Für den Putz wurde zuerst eine Putzgrundierung und anschließend der Knauf-Oberputz SP 260, 2 mm, aufgetragen, ein mineralischer Oberputz mit Scheibenputzstruktur (Kratzputzstruktur), Baustoffklasse A1. Dadurch entstehen dezente bis rustikale Oberflächen.

Für fluchtrechte und stoßsichere Kanten kamen überputzbare Gewebewinkel zum Einsatz. Die Abzugskante gewährleistet die vorgegebene Auftragsstärke von 5 bis 7 mm bei der Gewebearmierung und vereinfacht die Verarbeitung. Die Dehnfugen wurden mit dem Gewebe-Bewegungsfugenprofil APU W50 ausgebildet.

Die Entscheidung für den Einsatz der vorgehängten hinterlüfteten Fassade basierte auf den Vorteilen, die dieses System für das Bauvorhaben mit sich brachte. Durch die Zementbauplatte widersteht diese Fassade jeder Witterung und auch der Bildung von Schimmelpilz. Die Verarbeitung erfolgt nicht nur einfach, sondern auch schnell, da z. B. ein Vorbohren der Platten nicht erforderlich ist. Die Beplankung ist aufgrund der Materialbeschaffenheit durch einfache Biegetechnik
trocken formbar bei Radien bis zu 1 m, und auch schnell auf das gewünschte Maß zu bringen – ein großer Vorteil für die im Gerber geplanten Bögen, Rundungen, Vor- und Rücksprünge sowie Fensterlaibungen. Die unterschiedlichen Ebenen in der Fassade wären ohne das VHF-System von Knauf nur sehr schwer abzubilden gewesen. Die Wirtschaftlichkeit bei der Fassadenmontage des Gerbers resultiert aus der Zeitersparnis, dem geringen Verschnitt bei der Montage (< 5 %) und der optimierten Baustellenlogistik.

Und nicht zuletzt sind die komplexen Aufgaben bei der Fassadengestaltung des Gerbers durch die effiziente Kooperation aller Beteiligten schnell und wirtschaftlich zur Zufriedenheit aller entwickelt und umgesetzt worden.