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Akustik ist ein Gesamtkunstwerk!

Lärm im Büro, erst Recht in Großraumbüros und Call-Centern, ist verbreiteter Alltag und kostet Produktivität. Das beweisen zahlreiche Studien. Inzwischen steht ein ganzes Arsenal von Maßnahmen zur Schaffung einer geeigneten Raumakustik zur Verfügung. Aber was eine „geeignete Raumakustik“ ist, darüber streiten sich die Experten. TA sprach darüber mit Abidin Uygun, dem leitenden Akustiker von OWAconsult, der auch in Normengremien und Fachausschüssen tätig ist.

Büroakustik ist ein Gesamtkunstwerk!

TA:  Herr Uygun, schicke Büros sind eine begehrte Visitenkarte für jedes Unternehmen. Aber oft stellt sich heraus: Design hui, Akustik pfui!

Uygun: Stimmt. Sichtbeton, bauteilaktivierte Decken, edle Holzböden, Glastische – das alles sind schallharte Oberflächen. Versuchen Sie mal, in so einem Büro mit einem Kollegen zu sprechen oder auch nur zu telefonieren!

TA: Wobei ja der Nachhall nicht allein entscheidend ist. Auch die Sprachverständlichkeit spielt eine Rolle, oder?

Uygun: Genau, es kommt auf das das Störungsmuster an. Und darauf, was Sie im Büro machen wollen. Manche fühlen sich gestört, weil sie wegen des hohen Grundgeräuschpegels nichts verstehen. Manche stört aber gerade, dass sie alles verstehen. Viele Büros sind nicht zu laut, sondern zu leise, total überdämpft. Da wurden dann nach dem Motto „viel bringt viel“ die teuersten Absorber eingebaut. Und hinterher ist jeder Sprachfetzen im Raum für alle verständlich, was extrem ablenkt und das Leistungsniveau der Mitarbeiter bedeutend absenkt.

TA: Sie meinen also, teure A-Klasse-Absorber sind eher kontraproduktiv?

Uygun: Sicher nicht. Natürlich gibt es auch im Bürobereich Fälle, bei denen hochabsorbierende Produkte sinnvoll sind, z. B. bei sehr großen Räumen mit großer Raumhöhe. Im Schulbereich können sie zukünftig an Bedeutung gewinnen. Ich verweise dabei auf die neue DIN 18041, in der es auch um Inklusion geht, also die Integration auch hörgeschädigter bzw. behinderter Menschen. Da werden auch Wandabsorber zur Pflicht, das ist ganz klar.

TA: Aber in Büros bzw. Räumen mit anderer Nutzung muss man nicht unbedingt tief in die Tasche greifen, um eine gute Akustik zu erzielen?

Uygun: Absolut. Oft ergeben unsere Messungen, dass ein Kunde mit einer weniger aufwendigen Akustikdecke, sagen wir mit einer Schallabsorptionsleistung von 0,70, ebenso gut oder sogar besser fährt als mit einem teuren A-Klasse-Absorber (mit > 0,90). Das kommt eben auf die Raumdimensionen und die Raumgeometrie an. Die Einspareffekte können sechsstellig sein, wie neulich bei einem unserer Großkunden. Da fanden wir heraus, dass schon ein 0,70-Absorber eine gute Pegelminderung bewirkt hätte, und im Nahfeldbereich wäre es sogar nur um Unterschiede zwischen 0,5 bis 1 dB im Vergleich zu einem A-Klasse- Absorber gegangen. Das sind Messtoleranzen, das hören Sie nicht mal. Auch in Schulgebäuden und Bildungseinrichtungen machen wir diese Erfahrungen: B- oder C-Klasse-Absorber sind oft gleich gut oder besser als die A-Klasse-Absorber. Das Verrückte ist, dass unsere Kunden uns das oft nicht glauben!

TA: Architekten wohl oft auch nicht. Sind Architekten mit dem Thema überfordert?

Uygun: Das kommt auf den Architekten an. Da besteht ein Spannungsfeld zwischen Raumdesign und den Erfordernissen einer guten Akustik für die Mitarbeiter. Manche Architekten sind bereits sehr festgelegt und geben uns nur ein paar Kriterien vor. Die akzeptieren, dass die Decke eine wichtige Fläche ist, denken aber, mit der Auswahl der Platten hat es sich dann erledigt. Da ist oft wenig Spielraum für weitere Sensibilisierungen. Fakt ist aber: Büroräume gehören zu den kompliziertesten Räumen überhaupt.

TA: Mit welchen Anforderungen kommen Architekten und Bauherrn auf Sie zu?

Abidin Uygun
Dipl.-Ing. (FH) Abidin Uygun M.BP. kennt sich besonders gut mit der Akustik in Büroräumen aus. Foto: OWA

Uygun: Oft hören wir, man möchten die „optimale Kommunikation" unter den Mitarbeitern haben. Und dass „konzentriertes Arbeiten“ sichergestellt werden soll. Dann sage ich oft erst einmal: Das schließt sich komplett gegenseitig aus! Das kann ich in einem modernen Open-Plan-Büro nicht erzielen. Nicht beides zugleich.

TA: Was schlagen Sie dann vor?

Uygun: Man sollte zum Beispiel an Rückzugsmöglichkeiten denken, in die man hineingehen kann und die man schließen kann. „Think tanks" nennt man das auf Neudeutsch. Oder raumhohe Trennwände zwischen Büroarbeitsplätzen, die gibt es heute schon aus Glas, was eine gewisse optische Großzügigkeit garantiert. Doch gerade hier kommt man als Akustikberater schnell an den Rand der Toleranz, wenn zum Beispiel halbhohe Trennelemente über 1,80 m hoch sein sollen. Das kann natürlich schnell den Gesamteindruck von so einem schicken Büro kaputtmachen. Da brauchen Sie alternative Ideen oder Teillösungen, Kompromisse zwischen Schall und Design.

TA: Wie sollte die Planung eines Büroraums aus Ihrer Sicht idealerweise laufen?

Uygun: Büroakustik ist ein Gesamtkunstwerk. Ich würde mir wünschen, dass ein früherer und intensiverer Austausch zwischen Planern, Architekten und uns stattfindet. Da sollten wir gemeinsam über die Projekt- Erwartungen und die Planungskriterien reden, die sich der Bauherr oder der Architekt vorstellt. Wir gehen ja deutlich über die Decke hinaus mit unseren Beratungen, weil wir wissen, dass wir mit der Decke allein nicht alle Akustikprobleme im Büro lösen können. Deckensysteme, Deckensegel, Wandabsorber, Abschirmungen, Büromöbel, Headsets, Sound-masking – es gibt jede Menge Stellschrauben.

TA: Herr Uygun, wir bedanken uns für das Gespräch.