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Bauphysik
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Kreative Raum-Akustik
Leseprobe
Nehmen wir den Begriff der Nachhallzeit: Ein
Terminus, der so wichtig ist ist der Raumakustik, der aber so häufig fehlinterpretiert,
missverstanden oder einfach nur nicht verstanden wird. Was hat es also mit dem
Begriff "Nachhallzeit" auf sich? Nun - Nachhallzeit umschreibt auf physikalischem
Wege das phänomenale Zusammenwirken von Schallquelle und umgebendem Raum,
indem sie den Faktor Zeit ins Spiel bringt und misst, wie lange es dauert, bis
ein von einem Sender ausgesandtes akustisches Signal nur noch ein Millionstel
der ursprünglichen Intensität aufweist. Mit anderen Worten: Die Nachhallzeit
drückt in Zahlen aus, wie lange ich den Klang eines Tons im Raum höre,
obwohl die Schallquelle längst stumm ist. Je größer also die Nachhallzeit,
desto länger höre ich den Klang eines Tons im Raum schweben. Natürlich
ist die Nachhallzeit abhängig von der Beschaffenheit des Raums an sich und
dessen Oberflächen. Veränderungen der Raumdimension und der Raumbegrenzungsflächen
verändern auch die Nachhallzeit gravierend. Extreme Raumbeispiele verdeutlichen
dies womöglich: Sie stehen in einem Tonstudio und klatschen in die Hände.
Sie hören nur ein dumpfes Klatschen, ohne Nachhall, ohne Klang, sofort zu
Ende. In einem Tonstudio ist der Anteil an schallschluckenden Materialien an sämtlichen
Wänden, Decken und Böden sehr hoch. Es gibt so gut wie gar keine Reflexion,
keinen Nachhall. Die Nachhallzeit bewegt sich gegen Null. Ein schalltoter Raum?
Eher ein klangtoter Raum. Keine reflektierenden Schwingungen. Klatschen Sie dagegen
in einer gotischen Kathedrale in die Hände, was man vielleicht aus Gründen
der Pietät nicht unbedingt tun sollte, dann werden Sie erleben, wie vielfältig,
wie variantenreich und vor allem wie lange Ihnen das eigene Klatschen tausendfach
reflektiert wieder zurückkommt und der Klang hin und her schwingt, zum Teil
sehr lange im Raum zu hören ist, natürlich abnehmend in der Intensität,
aber manchmal einige Sekunden lang. Nachhallzeit ist demnach ein Faktor
für die Wahrnehmbarkeit der Größe eines Raumes.
Die Nachhallzeit steht in direkter Abhängigkeit vom Raumvolumen, kann die
Größe des akustischen Raums aber nicht alleine bestimmen. Um die Größe
des Raums im Sinne von Dimension der Schallausdehnung definieren zu können,
bedarf es eines weiteren Begriffs: die Phasenverschiebung. Unter Phasenverschiebung
versteht man die Zeitdifferenz zwischen dem erstmaligen Empfang eines Schallsignals,
das vom Sender direkt an den Hörer gesandt wurde, und dem abermaligen Empfang
des gleichen Schallsignals, das auf Umwegen durch Reflexion, zum Beispiel von
den Wänden oder von der Decke zeitverzögert gewissermaßen an das
Ohr des Empfängers gelangt. Die Nachhallzeit
und vor allem die Phasenverschiebung bringen also in dieses physikalische, konstruktive
Architekturmodell Raum den Faktor Zeit. Physikalisch ist das einfach
nachzuvollziehen. Ein akustisches Signal, von einem Sender ausgeschickt, regt
die Luftmoleküle zum Schwingen an, gibt die Energie weiter mittels frequentierter
Luftschwingung, diese mehr oder wenige energiereiche Luftschwingung trifft irgendwo
auf Raumbegrenzungsflächen, bringt diese Materialien ebenfalls zum Schwingen,
es kommt zur Reflexion, das heißt, angeregt durch die Materialschwingung
wird die Energie zurückgegeben an das Medium Luft und es kommt zu reflektierenden
Luftschwingungen, überlagernd, es entstehen Interferenzen, die Energie nimmt
immer mehr ab aufgrund der Trägheit der Masse, und irgendwann geht der Pegel
der Luftschwingungen gegen null. Die Zeit zwischen Hören eines Tons, Hören
des Nachhalls bei abnehmender Intensität und Nichts-mehr-Hören ist also
die Nachhallzeit. Die Zeit zwischen dem direkten Empfang des Schallsignals und
dem Empfang des gleichen, aber umgelenkten, reflektierten Schallsignals bezeichnet
man als Phasenverschiebung. Darüber hinaus ist ein Raum mit extrem
kurzer Nachhallzeit in seiner akustischen Größe nicht mehr wahrnehmbar.
Die Raumgröße und die Dimension eines Raums sind bei extrem kurzen
Nachhallzeiten, also im schalltoten Raum, akustisch nicht mehr zu erkennen. Ein
wenig Hall braucht der Raum zum Ausdruck und zur Vermittlung von Information über
Größe und Dimension schon. Ebenso ist eine sehr große Phasenverschiebung,
also eine recht ordentliche Zeitdifferenz, die Voraussetzung dafür, dass
irgendwann ein Echo entsteht." Die Frage nach der Bedeutung stellt
sich zum wiederholten Mal: Was bedeutet das aber für den Hörenden? Sind
lange Nachhallzeiten besonders gut oder schlecht? Oder sollten wir möglichst
kurze Nachhallzeiten anstreben? Und wie erreichen wir sowohl das eine wie das
andere? Sind Echos erträglich? Und wie lange? Mit der Nachhallzeit
verhält es sich offensichtlich ganz ähnlich wie mit der Helligkeit und
der Farbigkeit im Raum. Die Analogie zwischen optischem und akustischem Raum basiert
ja nicht nur auf den physikalischen Erkenntnissen, sondern hat Parallelen im wahrnehmbaren
visuellen und auditiven Raum. Die Frage, ob kurze oder lange Nachhallzeiten gut
sind, hat den gleichen Stellenwert wie die Frage, ob Helligkeit gut oder schlecht
für die Menschen ist oder welche Auswirkungen Farbigkeit auf die Menschen
hat. Helligkeit und Nachhallzeit sind häufig
miteinander verglichen worden. Und wenngleich beide erstaunliche Parallelen zeigen,
sind es doch sehr unterschiedliche Phänomene. Beide brauchen zwar zur Entfaltung
ihrer nachdrücklichen Ausdrucksstärke einen Sender, eine Lichtquelle
und eine Schallquelle; die eine sendet ein Lichtsignal aus, die andere ein Schallsignal.
Beide brauchen auch den Raum und die Raumbegrenzungsflächen, um überhaupt
einen räumlichen Eindruck vermitteln zu können. Gestalten wir im optischen
Raum die Wände mit schwarzem Samt, sind sie nicht zu sehen. Das Licht ist
nicht zu erkennen, da es nicht reflektiert wird. Die Wände sind optisch nicht
erfassbar. Gestalten wir den akustischen Raum mit schallabsorbierenden Wänden,
wird der Schall nicht reflektiert, ist also auch nicht zu hören. Bis hierher
sind Optik und Akustik in der Tat als physikalische Größe und auch
als Wahrnehmungsphänomen sehr ähnlich.
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